Die Mauer von Jerusalem

Geteiltes Land



Gestern Abend saßen Stephanie und ich noch mit unseren Gastgebern Jawad und seiner Frau im Wohnzimmer zusammen. Ich wollte ein wenig mehr über das Leben der Palästinenser erfahren und fragte Jawad danach. Die Situation für seine Familie ist ziemlich speziell, da sie zwar Palästinenser sind, aber der christlichen Minderheit angehören.

Ich wusste, dass Bethlehem während der letzten Intifada 2002 stark unter israelischen Beschuss geraten war und fragte Jawad, was er damals davon mitbekommen hatte. Er erzählte, dass das Haus seiner Familie direkt zwischen den Fronten lag und die Kugeln direkt durch’s Wohnzimmer geflogen seien. Tagelang bewegte sich die Familie nur auf den Boden kriechend durch die Wohnung, um Wasser oder Nahrungsmittel zu erreichen.

Er erzählte weiter, dass man als Palästinenser Jerusalem nur mit einer speziellen Genehmigung betreten dürfe, die Männer unter 27 und Frauen unter 24 Jahren in der Regel nicht erhalten würden. Seine Lage ist ganz schön kompliziert, er fühlt sich auf jeden Fall von Israel kontrolliert und seiner Freiheit beraubt. Gleichzeitig glaubt er, dass er als Christ von der muslimischen Mehrheit in Palästina nicht mehr geduldet würde, wenn es einen eigenen palästinensischen Staat ohne israelische Kontrolle geben würde. Er befürchtet, die Lage könnte sich ähnlich wie in Ägypten entwickeln, wo nach der Revolution Christen von radikalen Moslems umgebracht wurden.

Es ist eine vertrackte Lage mit Problemen auf vielen Ebenen. Seit ich denken kann, höre ich Nachrichten von Krieg und Terror aus diesem kleinen Land. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es noch erleben werde, dass hier irgendwann mal echter Frieden einkehrt.

Heute Morgen verabschiedeten wir uns, Jawad meinte, wann immer wir irgendetwas brauchen würden, sollten wir ihn anrufen. Auch wenn es einer der kältesten Guesthouse-Aufenthalte meines Lebens war, war es durch diese supernette Familie trotzdem einer der schönsten.

Auf dem Weg nach Ramallah, unserer letzten Station, legten wir noch einen Stopp an der Mauer an der Grenze nach Jerusalem ein. Wir hatten sie zwar schon ein paarmal passiert, wollten sie aber nochmal aus nächster Nähe sehen. Auf palästinensischer Seite ist sie mit Graffitis und Postern gefüllt, die die Hoffnungen und die Verzweiflung der Menschen in Bilder und Worte fassen. Inzwischen ist sie auch eine ziemliche Touristenattraktion geworden, man sieht Reisende davor für ein Foto posieren und kann im „Wall Steak House“ essen gehen.

Wir überquerten die Grenze zu Fuß, mussten durch Gittergänge laufen, unsere Taschen in Wellblechhäusern scannen lassen und unsere Pässe vorzeigen, dann waren wir auf der anderen Seite. Im Moment scheint hier alles ruhig zu sein, denn das Ganze ging recht unaufgeregt vonstatten. Trotzdem war die Atmosphäre ganz schön bedrückend, ich möchte nicht in die Zellen gebeten werden, die mit „Further Inspection Room“ beschriftet waren.

Von Jerusalem aus setzten wir uns in einem Bus nach Ramallah, der Hauptstadt des palästinensischen Westjordanlandes. Wir stiegen in einem billigen Hotel in der Nähe des Busbahnhofs ab und meine Augen begannen zu leuchten, als ich die dicken Heizkörper im Zimmer sah. Die Ernüchterung kam schnell, als ich fragte, ob sie funktionieren würden. Das taten sie nicht, stattdessen gab man uns einen winzigen Elektroheizkörper, bei dem nur eine von zwei Heizspulen heizt.

Ramallah ist nicht der interessanteste Ort, den ich bisher gesehen habe. Im Zentrum gibt es einige recht schicke Geschäfte, in denen die reiche Oberschicht westlichen Konsumfreuden frönt. Ein paar Straßen weiter spielt sich das typisch palästinensische Markttreiben ab, Obst- und Gemüseverkäufer flankieren die Straßen und bieten lautstark ihre Ware an.

Es ist gut, die Stadt mal gesehen zu haben, aber wir werden wohl nicht länger als bis morgen hier bleiben. Ich hoffe, dass der winterliche Teil der Reise dann endet und wir es schaffen, endlich in wärmere Gefilde vorzudringen.

Seilbahn über Ausgrabungen

Jericho – die älteste Stadt der Welt



Als wir heute Morgen aufwachten, lagen plötzlich auf allen Sofas unseres Guesthouses neue, schlafende Menschen. Anscheinend hatten sich einige zu Weihnachten auf den Weg nach Bethlehem gemacht, ohne eine Unterkunft zu reservieren, klopften vor Kälte bibbernd an die Tür unseres Guesthouses und wurden auf die Sofas verteilt. Wenn es auch kein Stall war, ist es trotzdem irgendwie eine lustige Geschichte zu Weihnachten.

Unsere Gastgeber Jamal und sein Bruder Jawad servierten uns allen ein leckeres Falafel-Frühstück. Wir saßen mit den anderen ganz nett zusammen und quatschten so über dies und das. Ich finde es eigentlich immer ganz interessant, im Hostel mit anderen Travellern zusammenzukommen, bin dann aber nicht so gerne den ganzen Tag mit ihnen unterwegs, wenn ich fremde Orte kennen lerne. Denn dann geht ein ganzes Stück Aufmerksamkeit dafür drauf, sich auf die andere Person zu konzentrieren und man kann den Charakter des Ortes nicht mehr so richtig in sich aufsaugen, finde ich.

Stephanie und ich machten uns nach dem Frühstück zu zweit per Minibus auf den Weg nach Jericho, der ältesten Stadt der Welt, wie man so meint. Vor 10.000 Jahren begannen die Menschen dort erstmals Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, anstatt nur zu jagen. Bei Ausgrabungen fand man 23 übereinander liegende Schichten an Siedlungen, die an dieser Stelle irgendwann mal errichtet wurden.

Als wir ankamen, ging es uns wie an allen palästinensischen Orten, die wir bisher besucht hatten. Von allen Seiten rief man uns ein freundliches „Welcome“ zu, teils mit Verkaufsabsichten, teils einfach so. Ich hatte auf jeden Fall den Eindruck, dass man sich wirklich freute, dass wir Palästina besuchten. Außerdem war Jericho angenehm warm, denn die Stadt liegt 250 Meter unter dem Meeresspiegel.

Wir besichtigten die Ausgrabungsstelle, wo man unter anderem die 10.000 Jahre alte Stadtmauer sehen können sollte. Ich suchte und suchte, aber konnte sie einfach nicht finden. Genau genommen gab es dort nicht wirklich viel zu sehen, wenn man kein Archäologe war. In tiefen Gräben sah man Reste von alten Gemäuern, aber man brauchte schon viel Phantasie, um sich daraus eine Stadt vorzustellen. Es gibt für die Ausgrabe-Truppe auf jeden Fall noch einiges zu tun, aber es war nett, zu wissen, dass der Krams tausende Jahre alt ist.

In der Nähe der Ausgrabungsstätte gibt es eine Seilbahn, die zu einem Kloster fährt, dass in den Berg eingebaut wurde, die Fahrt sollte stolze 55 Schekel (11 Euro) pro Person kosten. Ich bin ja sowieso nicht der größte Seilbahn-Fan, also war ich nicht böse, als uns ein Obstverkäufer am Straßenrand anbot ein Taxi für uns beide für 25 Schekel (5 Euro) zu besorgen.

Er rief jemanden an, der vorbei kommen sollte. Während des Telefonats verdoppelte sich der Preis plötzlich auf 50 Schekel (10 Euro). Stephanie handelte ihn noch auf 40 Schekel (8 Euro) runter, dann kam ein Typ mit seinem Auto vorgefahren, in dem außer im noch seine drei kleinen Söhne saßen.

Wir wurden ein Stück unterhalb des Klosters rausgelassen und kletterten das restliche Stück hinauf. Stephanie bekam schlechte Laune, weil sie sich vom Taxivermittler ausgenommen fühlte und nun auch noch ein Stück laufen musste. Ich fand das eigentlich nicht weiter schlimm, weil ich sowieso liebend gern auf die wacklige Seilbahn verzichtete und wir außerdem nicht mal die Hälfte davon zahlten.

Die Stimmung besserte sich schlagartig beim Betreten des Klosters. Es war wirklich so richtig in den Felsen geschlagen und es war ein interessanter Kontrast, wie die „zivilisierten“ Elemente wie Fenster und Türen mit den Felssteinen kombiniert wurden. Zum Beispiel waren in der Toilette die Wände gefliest, aber dazwischen schob sich ein riesiges Felsstück hervor und ragte mitten in den Raum hinein. Eine Kapelle endete an einem Höhleneingang, den man aber leider nicht betreten konnte. Ich fragte mich, wie weit dieser wohl in den Felsen führen würde, ob es vielleicht der Eingang zu einem riesigen Höhlensystem war.

Von einem Gang aus konnte man einen „Balkon“ betreten, der 100 Meter über dem Abgrund hing. Mir wurde ziemlich mulmig und ich war noch glücklicher, nicht mit der Seilbahn gefahren zu sein. Schließlich stiegen wir wieder vom Felsen hinab und ließen uns von unserem Chauffeur zurück ins Tal bringen, wo uns der taxivermittelnde Obstverkäufer direkt wieder abfing. Seine Angebote zu weiteren Aktivitäten und Fahrdiensten lehnten wir aber dankend ab.

Wir schlugen uns noch den Magen mit einem leckeren Grillteller voll, dann machten wir uns auf den Rückweg nach Bethlehem. Morgen ziehen wir weiter nach Ramallah, der Hauptstadt des palästinensischen Westjordanlandes. Ein israelischer Freund von Stephanie legt dort in einem Club auf, dort wollen wir vorbei schauen. Klingt auf jeden Fall ziemlich abgefahren, ein israelischer DJ in einem palästinensischen Club, hätte nicht gedacht, dass sowas funktionieren kann.

Foto mit dem indonesischen Pastor

Weihnachten in Bethlehem



Heute ist Weihnachten. Wir machten uns am Vormittag auf den Weg von Jerusalem nach Bethlehem, das gleich um die Ecke liegt. Eigentlich geht es fast direkt ineinander über. Die Mauer passierten wir auch ohne Kontrolle, also waren wir nach einer halben Stunde da.

Ich hatte in Jerusalem an allen Ecken gehört, dass heute Touristenhorden in Bethlehem einfallen würden. Ich erwartete Schlimmstes und war dann doch recht überrascht, dass es ganz gechillt war, als wir hier ankamen. Unser Guesthouse liegt aber auch etwas abseits des Zentrums.

Die Familie, die die Unterkunft betreibt, ist supernett, es fühlt sich fast wie eine WG an. Ich bin allerdings auf die Nacht gespannt, denn hier drin ist es tagsüber schon eisfachartig kalt und es gibt keine Heizung. Ich habe auch keinen Schlafsack dabei, also müssen die drei Decken, die bereit liegen, einfach reichen.

Nachdem wir unsere Sachen ins Zimmer geworfen hatten, kletterten wir den Berg zum Zentrum hoch. Dort stieg gerade die Weihnachtsparade, die allerdings gar nicht so weihnachtlich, sondern eher palästinensich-kämpferisch daherkam. Trommelnde Gruppen in Uniformen wechselten sich ab mit Dudelsackspielern, die Jingle-Bells trällerten.

Um Mitternacht findet in der Geburtskirche, dem Ort, wo Jesus angeblich zur Welt kam, eine Messe statt, für die man sich allerdings monatelang vorher anmelden muss. Ich war recht überrascht, dass nachmittags noch nicht so viel Andrang war, so dass wir nach etwas Schlangestehen tatsächlich den Ort im Keller der Kirche besuchen konnten. Ein Loch im Boden ist von Laternen umgeben, ich sah, dass die anderen Pilger entweder den Kopf in das Loch legten, oder es einfach mit der Hand berührten. Als Hobbypilger beließ ich es bei der Handberührung, womit meine Pilgerkarriere dann wohl auch ihr Ende findet. :)

Rings um die Kirche gibt es ziemlich viel Kitsch, Plastikweihnachtsmänner und jede Menge geschäftige Palästinenser. Wir liefen einfach ein wenig weiter und kamen schließlich an einem palästinensischen Markt an. Je weiter wir vordrangen, desto weniger Touristen sahen wir. Es wurde wirklich nett, man begrüßte uns von allen Seiten mit einem freundlichen „Hello“ und wir ließen uns weiter durch die Straßen treiben. Jerusalem war zwar interessant, aber die palästinensische Welt fühlt sich eine ganze Ecke fremder und abenteuerlicher an, was mich immer ganz gut flasht.

Als wir auf dem Rückweg wieder an der Geburtskirche ankamen, ging die Sonne gerade unter und der Muezzin donnerte das Abendgebet von seinem Türmchen runter. Ist auf jeden Fall ein ganz schöner Clash, der hier passiert. Während christliche Pilger Weihnachten in der Geburtskirche feiern, schallt ihnen das muslimische Abendgebet entgegen.

Am Abend sind wir zusammen mit zwei Amerikanern und einem Holländer aus unserem Guesthouse in den Nachbarort gefahren, dort findet für alle, die nicht in die Geburtskirche reinkommen, die Alternativmesse statt. Im Schichtbetrieb, stündlich von 15:00 bis 0:00 Uhr. Jeweils mehrfach parallel in verschiedenen Sprachen.

Diese Party steigt auf den sogenannten Hirtenfeldern, dem Ort, wo den Hirten laut Bibel ein Engel erschien und von der bevorstehenden Jesus-Geburt erzählte. Wir landeten in einer Art Höhle, wo gerade die indonesische Messe stattfand. Das war schon irgendwie cool, zu Weihnachten dort zu sein und mit einer Truppe von weither angereister Indonesier die Weihnachtmesse zu feiern.

Zum Schluss gaben sich alle die Hände und wünschten sich frohe Weihnachten. Als wir aus der Höhle rausgehen wollten nahm uns der indonesische Pastor noch beiseite und wollte ein Foto zusammen mit uns hinter seinem Pastor-Tresen haben. Ein paar andere Indonesier sahen das und fühlten sich inspiriert, nun auch fleißig Fotos zu machen, bis uns schließlich die indische Truppe hinauswarf, die für die nächste Schicht vorgesehen war und bereits vor der Tür stand.

Israel-Flaggen in der Altstadt

Jerusalem Reloaded



Als wir nach unserer Landung gestern den Flughafen verließen, wehte uns eine milde Frühlingsbrise um die Nase. Ich bekam direkt gute Laune, nachdem ich 4 Stunden zuvor im nasskalten Berlin gestartet war. Aber da wir Tel-Aviv schon kannten, suchten wir uns gleich einen Bus, der uns weiter nach Jerusalem brachte. Dort waren wir bei unserem letzten Israel-Trip zwar auch schonmal, hatten aber nur wenig Zeit und vor allem den Tempelberg noch nicht besucht, es gab also noch einiges zu tun.

Ich hatte schon vor Wochen ein Zimmer für Bethlehem zu Weihnachten reserviert, weil klar war, dass dort Massen einfallen würden. Dass diese Massen aber eventuell zwei Tage vorher schon in Jerusalem sein könnten und es dort auch schwierig würde, ein Zimmer zu finden, so weit habe ich nicht gedacht. Wir stiegen schließlich im Jaffa-Hostel in der Altstadt von Jerusalem ab, wo man uns für ein Bett im 5er Dorm jeweils 105 Schekel (21 Euro) abknöpfte. Das Zimmer war dann eher eine Zelle, ohne Fenster und so klein, dass man sich zu seinem Schlafplatz fast durchquetschen musste. Stephanie und ich scheinen irgendwie prädestiniert dafür zu sein, in der ersten Reisenacht in einem festerlosen Loch zu laden.

Egal, für die erste Nacht sollte es reichen. Wir liefen noch bisschen durch die Gegend, inzwischen war es Abend und wurde im 800 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Jerusalem ziemlich kalt. Vor einer Woche gab es hier einen krassen Wintereinbruch mit hohen Schneebergen, von denen die Reste immer noch zu sehen waren. Der Reisestart war also recht rustikal, aber irgendwie passt das auch zum Pilgerdasein, das ich für einige Tage mal ausprobieren wollte. Danach wartet dann das Tote Meer mit Sonne und Chillout auf uns.

Heute Morgen sah die Welt dann auch schon wieder viel freundlicher aus. Wir hatten uns gestern Abend noch ein nettes Zimmer für die nächste Nacht reserviert, die Sonne strahlte nun und die Altstadt von Jerusalem entfaltete ihren vollen Charme. Diesmal wollten wir unbedingt auf den Tempelberg, Einlass ist mittags immer nur für eine Stunde. Beim letzten Mal warteten wir am falschen Eingang und wurden nicht mehr rein gelassen, als wir den richtigen mit der langen Schlange entdeckt hatten.

Nochmal wollten wir uns das nicht geben, wir waren diesmal die ersten in der Schlange und kamen am Türsteher, besser gesagt der Sicherheitskontrolle, vorbei. Wir sahen den Felsendom, das Wahrzeichen Jerusalems, endlich mal aus der Nähe. Mit seiner goldenen Kuppel, die in der Sonne hell glänzt, wirkt er ziemlich beeindruckend. Für Moslems ist das der drittheiligste Ort der Welt, betreten durften wir ihn aber nicht. Die Atmosphäre auf dem Tempelberg war schön gechillt. Das Gelände ist relativ groß, vielleicht ein Viertel der gesamten Altstadt. Da aber nur wenige Besucher rein gelassen werden, verbreitet der Ort eine wohltuende Ruhe nach dem lebhaften Trubel in der Altstadt.

Danach besuchten wir das jüdische orthodoxe Viertel, das etwas außerhalb der Altstadt liegt. Bei unserem letzten Besuch vor zwei Jahren sind wir nur mal mit dem Bus durchgefahren und wollten diesmal unbedingt mal persönlich vorbei schauen. Plötzlich waren nur noch Männer mit schwarzen Hüten und langen Kotlettenzöpfchen auf den Straßen, die geschäftig umherwuselten. Es war eine interessante Atmosphäre, ganz anders, als noch wenige Ecken davor.

Kurz vor Sonnenuntergang besuchten wir schließlich noch den Ölberg. Dort soll angeblich Jesus seinen Jüngern das Vaterunser irgendwann mal. beigebracht haben. Heute steht dort eine Kirche und Tafeln mit Vaterunser-Übersetzungen in 80 Sprachen, inklusive Plattdeutsch. Vom Ölberg aus schauten wir uns den Sonnenuntergang über der Altstadt an, dann schnappten wir unsere Rucksäcke und zogen um in unser neues Heim.

Bin jetzt ordentlich fertig vom Tag, Stephanie hat ein paar israelische Biere besorgt, die wir gleich mal antesten werden. Morgen geht’s dann weiter nach Bethlehem, mitten rein ins Pilgerleben. :)

Blick aus dem Flugzeug auf Tel Aviv

Pilgerfahrt nach Israel



Ich sitze gerade im Flugzeug von Berlin nach Tel Aviv. Ich habe beschlossen, mich dieses Jahr Weihnachten und Silvester komplett zu verweigern und stattdessen zwei Wochen mit Stephanie in Israel zu verbringen. Wir sind zwar nicht mehr zusammen, aber reisetechnisch total kompatibel, also haben wir uns wieder zusammen ins Flugzeug gesetzt.

Wir waren ja vor zwei Jahren schonmal für eine Woche über Silvester in Israel. Das war ein super Trip, vor allem ist Israel ein perfektes Reiseland, wenn man nur wenig Zeit hat. Alles liegt nah beieinander und man kann ohne ewiges Busfahren ziemlich viel sehen. Der Flug ist mit 4 Stunden auch nicht allzu lang und das Wetter ist für meinen Geschmack besser als im Winter in Deutschland. Und es interessiert sich kaum einer dafür, dass das Jahr endet, weil der jüdische Kalender anders tickt.

Ich bin zwar kein besonderer Kirchen-Freak, aber wenn ich zu Weihnachten schonmal in Israel bin, will ich’s mir nicht nehmen lassen, am 24. Dezember in Bethlehem an der originalen Jesus-Krippe zu stehen. Bethlehem liegt im Westjordanland und ich dachte eigentlich, dass sich gewöhnliche Touris nicht ins Palästinensergebiet trauen. Ich habe mir aber sagen lassen, dass ich wohl nicht der einzige bin, der die Idee hatte Weihnachten dort zu vebringen, sondern Bethlehem ein beliebter Wallfahrtsort für christliche Pilger ist.

Ich finde das Wort „Pilger“ irgendwie lustig, das klingt so richtig altertümlich in meinen Ohren. Und trotzdem bin ich jetzt selber einer. Aber eigentlich eher Freizeitpilger. Oder vielleicht Sensationspilger. Mal schauen, ich muss meine Rolle in der Pilgerszene erst noch finden, glaube ich. :)

Auf jeden Fall wird das wohl ein ziemlicher Massenandrang werden, bestimmt auch mit ‘ner dicken Portion Kitsch versehen. Ich bin gespannt. Erstmal haben wir bis zum 24. Dezember aber noch zwei Tage Zeit, die wir in Jerusalem verbringen wollen. Ich hoffe, wir finden ein günstiges Zimmer und Jerusalem ist nicht schon von Pilgerhorden belagert.

Nochmal all in und Abflug



Ich bin gestern Abend mit Sha, der Australierin aus meinem Hostel, noch lecker essen gegangen. Wir probierten ein traditionell bulgarisches Restaurant aus, das hier recht beliebt ist. Ich liebe die Fleischlastigkeit der bulgarischen Küche, praktischerweise steht in der Karte auch an jedem Fleischgericht eine Grammzahl. 250, 400, 600 Gramm oder mehr, alles ist möglich. Da man Beilagen und Fleisch separat bestellt, kann man sich wunderbar auf den Fleischteil konzentrieren und alles andere einfach weglassen. Ich habe mir ein 400 Gramm Schweinestück reingepfiffen, war total genial.

Danach sind wir ins Casino gefahren. Sha wollte Black Jack spielen und ich konnte es einfach nicht lassen, mich nochmal an den Pokertisch zu setzen. Kam aber nicht viel bei rum, bin nach zwei Stunden mit plusminus null rausgegangen, Sha hat 100 Leva (50 Euro) am Blackjack-Tisch verballert.

Casinos wirken auf mich immer wie ein Sammelbecken kranker Gestalten, bei vielen ist offensichtlich, dass da irgendeine Sicherung durchgebrannt ist. Da waren diese zwei Asiaten am Roulette Tisch, die in jeder Runde mindestens 1000 Euro quer über das Spielfeld verteilten. Oder dieser eine Pokerspieler, der während er am Tisch saß parallel auf seinem I-Pad Online-Poker spielte.

Nach dem Casino zeigte Sha mir eine süße Kneipe, die nur mit Kerzen beleuchtet war. Wir setzten uns an die Bar und zischten uns Bierchen und Schnäpperchen rein. Dabei staunten wir über die trinkfeste Barkeeperin, die mit jedem Gast, der ‘nen Kurzen bestellte, auch einen mit trank. Ihr Hobby waren süße kleine Schnapscocktails, die sie mit total viel Liebe vor unseren Augen mixte. Das waren richtige Kunstwerke, praktischerweise spendierte sie uns ‘ne ganze Menge davon.

Als wir so richtig schön einen sitzen hatten, kamen wir auf die – im wahrsten Sinne des Wortes – Schnapsidee, uns nochmal ins Casino zu setzen. Ich konnte kaum mehr gerade stehen und wurde mit gierigen Augen am Pokertisch begrüßt. Mit der Kaffee-Wasser-Taktik konnte ich mich aber wieder einigermaßen fangen, war ein unknackbarer Fels in der Brandung und ging nach einer großen Hand mit 120 Leva (60 Euro) plus vom Tisch. Nun hatte ich Flug und Hotel tatsächlich komplett am Pokertisch wieder reingespielt. :) Sha hat leider nochmal 100 Leva (50 Euro) beim Blackjack in den Sand gesetzt, ich rief uns ein Taxi und wir fuhren um 6 Uhr morgens zurück ins Hostel.

Sha wollte heute um 12 Uhr mittags ‘nen Bus in die Türkei nehmen. Das versucht sie wohl schon ‘ne ganze Weile, aber weil ihre Abende in Sofia meistens feucht-fröhlich wurden, hängt sie nun schon 2 ½ Wochen hier fest. Sie ist aber auch länger unterwegs, seit einem Jahr auf Weltreise, da fällt so ‘ne kleine Verzögerung nicht wirklich ins Gewicht. Ich hab sie heute nicht mehr gesehen, also muss sie den Absprung wohl geschafft haben.

Für mich geht’s heute auch zurück, ich sitze gerade am Flughafen, in einer Stunde ist Start. Es war ein lustiger kleiner Trip, sowas sollte ich auf jeden Fall öfter mal machen. Hab schon geschaut, wohin man noch billig kommt. Rumänien würde mich auch mal interessieren, oder Spanien, um mal wieder bisschen die Sprache zu sprechen.

Ost-Charme



Heute war ich ganz schön verkatert, hab mich aber irgendwann um halb 2 aus dem Hostel geschleppt und was zum Frühstücken gesucht. Hab mich für Katerfrühstück bei McDonalds entschieden, das BigMäc Menü kostet hier 6 Leva (3 Euro), da kann man das schonmal machen. :)

Hab mich dann einfach mal in die Metro gesetzt und bin bisschen raus aus dem Zentrum gefahren. Sofia schien mir bis jetzt westlicher, als ich erwartet hätte, ich wollte mal schauen, ob ich bisschen außerhalb etwas Ost-Charme entdecken kann.

Ich wurde nicht enttäuscht, denn ich landete in einer riesigen Plattenbausiedlung, feinstes Berlin Marzahn. :) Bin dort bisschen rumgestreunt, fand aber, dass die Stimmung gar nicht so trist war wie die Architektur. In Südamerika geht’s in solchen Ecken auf jeden Fall bisschen anders zu, da sollte man besser keinen Fuß reinsetzen.

Nun liege ich wieder in meinem Keller-Bett und chille bisschen vor mich hin. Mal schauen, was der Abend noch so bringt. Es juckt mich ja, meinen Auftritt am Pokertisch nochmal zu wiederholen. Ich sollte es lassen, allein schon um mir die schöne Geschichte nicht zu versauen, aber es juckt halt einfach…

All in!



Nach der Völlerei und Bier und Wein im Restaurant hatte ich schon ziemlich einen sitzen. Ich hatte tagsüber schon ausgecheckt, dass im Casino “Princess” gepokert wird, nun zog es mich dort an den Tisch. Cash-Game gibt’s für moderate Blinds von 1/2 Leva (50 Cent/1 Euro), also Chips für 100 Leva (50 Euro) gekauft und an den Tisch gesetzt.

Besoffen Pokern ist eigentlich gar keine gute Idee, ich musste unbedingt wieder etwas Klarheit in meinen Kopf kriegen. Was ganz nett ist, sind die kostenlosen Getränke, während man spielt, sowas sollte man in Berlin auch mal einführen. Hab ich mir einen Espresso nach dem anderen bestellt, um meinen Kopf wieder in die Spur zu kriegen.

Was ganz vorteilhaft an meinem Zustand war, war der Umstand, dass ich wie ein Irrer gewirkt haben muss. Habe die ganze Zeit ohne einen Hauch von Mimik in die Mitte des Tisches gestarrt, nicht gesprochen und auch nicht reagiert, wenn ich angesprochen wurde, tight gespielt, wenn was auf der Hand dann superaggressiv. Darauf kam der Tisch nicht klar, waren aber auch nur 2-3 gute Spieler dabei. Innerhalb von 2 Stunden hatte ich aus meinen 100 Leva (50 Euro) 300 gemacht (150 Euro) und mir so fast den Flug wieder reingespielt. Bin dann wortlos aufgestanden, habe meine Chips zu Geld gemacht und bin mit starrem Blick aus dem Casino raus. Draußen konnte ich mir das Lachen nicht mehr verkneifen. Ich muss wie so ein irres Phantom gewirkt haben, das mal eben wortlos den Tisch auseinander nimmt und dann wieder von dannen zieht. :)

Im Hostel habe ich dann eine Australierin namens Sha kennen gelernt. Sie hat mich zu einer süßen Kneipe geschleppt, so’n kleiner Kellerladen, wo wir uns noch ordentlich einen angesoffen haben. Haben noch bisschen mit einer Bulgarierin geschnackt, die ich aber bisschen antrengend fand. Eine andere meinte, alle Deutsche wären Rassisten, nun ja, wenn sie meint, da musste ich dann auch nix weiter zu sagen.

Irgendwann sind wir ins Hostel zurück, ich hab mich nochmal an ‘ner Runde Online-Poker versucht, war nun aber wirklich zu hacke dafür und bin irgendwann eingeschlafen.

Kirchentour



Die erste Nacht war echt kalt. Die Sicherung, die für meinen Elektroheizer zuständig ist, flog raus und ich hab das ganz Hostel vergeblich nach dem Sicherungskasten durchsucht. Hab zum Glück einen Schrank mit Decken gefunden, so dass ich unter drei Schichten schlafen konnte, aber warm war’s trotzdem nicht. Am nächsten Morgen hat mich der Sicherungskasten dann im Flur schön von oben angelacht. Hochgucken hilft eben manchmal. :)

Habe mir dann Sofia bisschen angeschaut. Ich wohne genau im Zentrum in der Nähe des schicken Vitosha Boulevard, der voll mit edlen Shops und stylishen Cafes ist. Sofia macht auf mich bis jetzt einen entspannt unaufgeregten Eindruck. Es gibt keinen Touristenhorden und das Leben scheint recht normal vor sich hinzuplätschern. Im Zentrum ist gefühlt jedes zweite Gebäude eine Kirche, so dass ich mir wie auf einer Kirchentour vorkam. Ich gucke mir die ja ganz gerne mal von innen an, aber nach der zehnten hatte ich meine Tagesdosis dann auch voll. :) Schräg finde ich, dass in fast jeder Kirche ein riesiges Gerüst steht, ohne dass wirklich daran gearbeitet wird. Vielleicht würden sie sonst einfach zusammenstürzen?

Etwas außerhalb des Zentrums kann man wirklich superbillig essen, ich war in so ‘ner Art Selbstbedienungsrestaurant und habe Hähnchen mit Kartoffeln plus großes Bier für 5,60 Leva (2,80 Euro) bekommen. Abends hat’s mich wieder zum bulgarischen Fleischmeister gezogen, wo ich mir ein dickes Schweinesteak mit viel Bier und Wein reingezogen hab. :)

Spontaner Flug nach Sofia



Letzten Sonntag hat es mich einfach so überkommen. Ich habe einfach mal den Skyscanner angeworfen und geguckt, wohin es in den nächsten Tagen billige Flüge gibt. Auf einmal hat mich ein Flug für 120 Euro nach Sofia so angelacht, dass ich mir selber nur noch dabei zuschauen konnte, wie ich auf “buchen” klickte und schwuppdiwupp ein Ticket gekauft hatte.

4 Tage später, also heute, fand ich mich in einer Maschine von Bulgaria Air wieder. Nach zwei Stunden Flug schlug ich in Sofia auf und war on the road. So schnell kann’s gehen.

Das Wetter ist leider nicht viel besser als im Moment Berlin, so 2-3 Grad und Regen. Also bin ich schnell in mein Hostel geflüchtet, habe mir für 12 Euro pro Nacht ein Zimmer in der Canapee Connection genommen, hatte auf Hostelworld ganz gute Bewertungen.

Eigentlich ist es auch ganz gemütlich, aber wohl eher für den Sommer gedacht. Es gibt keine Heizung, deswegen muss man sich mit Elektroheizern behelfen. Der riesige Gemeinschaftsraum auf dem Dachboden ist geschlossen, weil der zu groß ist, um ihn warm zu kriegen. Und mich haben sie in den Keller gesperrt, “Souterrain”, wenn man es vornehm ausdrücken will. So schlimm, wie es klingt, ist es aber nicht. :) Aus dem Keller haben sie rausgeholt, was sie können, die Wände sind ganz nett bemalt und der Raum hat einen recht rustikalen Charme, so ein bisschen wie meine alte Wohnung in der Greifswalder Straße. Ein Fenster wäre nur ganz nett, habe nur so ein Guckloch ganz oben.

Eigentlich hatte ich ja gedacht, hier bisschen arbeiten zu können, aber ich habe keinen richtigen Tisch im Zimmer und im Bett mit Laptop auf’m Schoß programmiert sich’s doch nicht ganz so gut. Hab aber auch nicht sooooo viel zu tun, dass es unbedingt sein muss.

Bin dann heute Abend in ein beliebtes, traditionell bulgarisches Restaurant gegangen und habe superlecker gegessen. Das Restaurant war richtig schön rustikal eingerichtet, mit Weinfässern an den Wänden und so. Habe mir den Bauch mit einer fetten Fleischplatte vollgeschlagen und dafür nur 13 Leva (6,50 Euro) bezahlt. Auf der Karte fanden sich noch einige merkwürdige bulgarische Spezialitäten, wie “gekochter Lammkopf” oder “Schafshirn”. Wenn ich mich in den nächsten Tagen etwas abenteuerlustig fühlen sollte, probiere ich das mal. :)

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