Abschied von Marildy




 
Heute Morgen hieß es für mich Abschied nehmen von Quito und von Marildy. Ich lud die Kleine zum Frühstück in den „Coffee Tree“ ein. Sie erzählte mir noch ’ne ganze Menge interessante Geschichten. Zum Beispiel, dass das „Coffee Tree“ und ’ne ganze Menge anderer Kneipen im Zentrum ein paar Israelis gehörten, die die ganze Kohle scheffelten und sie es Scheiße findet, dass Westler so einfach ’nen Laden in ihrem Land aufmachen können, sie aber nicht mal ein Visum für diese Länder kriegen würde.

Felix und Marildy

Außerdem hat sie noch dies und das vom Leben der Quichua erzählt. Beziehungstechnisch scheinen diese erstaunlich fortschrittlich zu sein, ihr Onkel lebt mit seiner Frau zum Beispiel mit ’nem anderen Paar zusammen in ’ner Art offenen Viererbeziehung. Ein anderer im Dorf hat gleich mal zwei Frauen. So traditionell die Quichua auch wirken, im Herzen sind sie anscheinend die reinsten Hippies. :)

Marildy war ziemlich traurig, mich bald nicht mehr zu sehen. Ich meinte, dass sie mich gerne mal in Deutschland besuchen kann. Sie muss zwar ’ne ganze Weile rackern, um die Kohle für den Flug zusammenzubekommen, aber will’s versuchen. Für das Visum könnte ich ihr ’ne Einladung schreiben, dann geht’s wohl um einiges einfacher. Wäre auf jeden Fall voll der krasse Trip für sie, ich fände es auch schön, sie mal wieder zu sehn.

Sie brachte mich noch zum Bus, ich gab ihr ’nen Kuss, dann ging’s für mich weiter… zur Mitte der Welt.

Besuch bei Soledads Family




 
Nach einem zweistündigen Schläfchen hab ich mich gestern Morgen gegen 11 Uhr hoch gequält um nach Doñihue zu fahren, in das Dorf von Soledads Family. Hat mit dem Bus ca. 2 Stunden gedauert, dann stand ich vor ihrer Tür. Ihr Vater begrüßte mich mit „Willkommen in der 3. Welt“. Sie müssen sich wohl ziemlich viele Gedanken gemacht haben, ob ihr Häuschen meinen Ansprüchen genügt, dabei war es echt schnucklig. Hatte nur eine Etage, wie die meisten Häuser hier und kam insgesamt recht rustikal und kantig daher, aber ich mag das ja ganz gerne, wenn nicht alles so glattpoliert ist. Von der Küche aus konnte man in einen wunderbar grünen Garten schauen, durch den mich Carlos, der Vater, auch wenig später führte.

Plaza in DoñihueReiterStraße mit HäuschenDoñihue versteckt im GrünenMit Vater Carlos unter WeinrebenFelix und SoledadAvocadobaumTraubenmeer

Er fragte mich, ob ich schonmal so einen armen Ort gesehen hätte, aber es war einfach himmlisch! Weinreben wuchsen an jeder Ecke, wir liefen unter einem Meer von Trauben hindurch, die direkt von dort in meinen Mund wanderten. Es gab Avocado- und Feigenbäume, ich hatte bis dahin keine Ahnung ob sowas an Bäumen, Sträuchern oder unter der Erde wächst. Hab zum ersten mal frische Feigen gegessen, direkt vom Baum, köstlich!

Danach wollte Carlos mir die Umgebung zeigen. Wieder machte er sich Gedanken, ob sein alter japanischer Pick-Up gut genug für mich wäre, aber ich versicherte ihm, dass ich abenteuerlustig und gespannt bin. Unglaublich war, dass er den Pick-Up als Rechtslenker gekauft und in Handarbeit die komplette Steuerung auf die linke Seite verpflanzt hatte. Hat wohl 20 Tage gedauert, aber funktionierte. Wir fuhren durch ein paar süße kleine Dörfchen, vorbei an Weinfeldern, Obstplantagen und Kakteen.

Nach einer kleinen Fahrradtour mit Soledad lernte ich beim Abendessen noch einige Verwandte kennen, die ringsherum lebten. Alle waren unglaublich nett und gastfreundlich zu mir, wirklich so unglaublich nett, wie ich es selten erlebt hab. Es war wie im Paradies, die Mutter bewirtete mich mit leckeren, selbstgemachten Empanadas, der Vater mit Traubenschnaps und der Schwager mit Bier. :)

Soledads Schwager ist ein Kubaner namens Raziel, der nicht mehr nach Kuba zurück darf, weil er länger als erlaubt im Ausland geblieben ist. Er ist auch Programmierer, hab mich lange mit ihm unterhalten, über seine Projekte, die politische Lage in Kuba und so dies und das. Er hat mir angeboten, bei seiner Familie in Kuba zu wohnen, wenn ich mal vorbei kommen wollte. Er war auch so unglaublich offen und herzlich zu mir, einem für ihn völlig Fremden, dass ich direkt Lust bekommen hab, mir wirklich mal das Land anzuschauen.

Hab in einem kleinen Zimmerchen im Haus geschlafen, das für mich als Traveller der reine Luxus war, da ich mal keine schnarchenden und polternden Zimmerkollegen ertragen musste, aber natürlich haben sich wieder alle Gedanken gemacht, ob es wohl gut genug für mich wäre. :) Hab wie ein Stein geratzt, aber hatte einen schlimmen Traum: Hab geträumt, dass ich jetzt wieder nach Deutschland zurück geflogen wäre und aus Versehen jetzt schon wieder angefangen hätte zu arbeiten. Als ich die Augen aufmachte und mich in Doñihue wiederfand, fiel mir ein Stein vom Herzen. :)

Hab heute mit Soledad noch eine kleine Runde durch die Stadt gedreht und bin danach lecker von ihrer Mutter Carmen bekocht worden. Wollte danach abwaschen, aber Soledad ließ sich nicht vom Waschbecken vertreiben. Sie hat mich doch tatsächlich gefragt, ob ich in Deutschland eine Haushälterin hab, die für mich abwäscht. Lustig: Ihr Vater hat mir stolz erzählt, dass er noch nie in seinem Leben einen Teller gespült hätte. :)

Dann war es Zeit für mich nach Santiago zurückzukehren. Ich verabschiedete mich von allen und langsam glaubte man mir wohl auch, dass es wirklich ein wunderbarer Tag für mich war. Ich lud Soledad ein, mich mal in Berlin zu besuchen. Als Lehrerin geht das zwar nur in ihren Sommerferien im Januar, wo bei uns ja nicht gerade das Hammerwetter ist, aber früher oder später wird sie sicherlich mal vorbei kommen. Dann ging’s mit den Bus zurück nach Santiago für mich.

Werd hier noch eine Nacht bleiben und morgen für einen Tag nach Valparaiso schauen, ein schnuckliges Städtchen eine Stunde entfernt von hier. Morgen Abend geht’s dann mit dem Nachtbus nach La Serena, wo ich für ein paar Tage mal wieder bisschen Strandluft schnuppern will.